Ich liess meinen Engel lange nicht los

Rainer M. Rilke

Ich liess meinen Engel lange nicht los, und er verarmte mir in den Armen und wurde klein, und ich wurde gross, und auf einmal war ich das Erbarmen, und er eine zitternde Bitte bloss.

Da hab ich ihm seine Himmel gegeben, und er liess mir das Nahe, daraus er entschwand, er lernte das Schweben, ich lernte das Leben, und wir haben langsam einander erkannt.

Seit mich mein Engel nicht mehr bewacht, kann er frei seine Flügel entfalten und die Stille der Sterne durchspalten, denn er muss meiner einsamen Nacht nicht mehr die ängstlichen Hände halten, seit mich mein Engel nicht mehr bewacht.

Dieses wunderschöne Gedicht fängt den schmerzhaften, aber sehr heilsamen Prozess des Loslassens ein, den wir erfahren, wenn ein geliebter Mensch von uns geht. Rilke erinnert uns daran, dass die Freigabe des anderen nicht nur ihm den Frieden schenkt, sondern uns selbst den Weg zurück in das eigene Weiterleben eröffnet.


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